Fersensporn, Plantarfasziitis, Fersenschmerz - Ursachen

Fersensporn, Plantarfasziitis - Warum schmerzt die Ferse?

Funktionelle Anatomie des Fußes

Wenn man sich den menschlichen Fuß vereinfacht anschaut, dann bildet er im Normalfall ein Dreieck mit dem Boden, sodass ein Fußgewölbe entsteht (siehe oberes Bild). Dabei wird dieses Gewölbe durch die Knochen des Fußes gebildet und von Muskulatur und Bindegewebe in dieser Form gehalten (die Schwerkraft und das Körpergewicht würden den Fuß ansonsten platt zusammenfallen lassen). Eine wichtige Struktur neben den Muskeln, die das Fußgewölbe stabilisieren, ist die sogenannte Plantarfaszie. Sie ist eine sehr feste bindegewebige Platte und verbindet die Ferse mit den Zehen. Sie sorgt mit den Muskeln zusammen dafür, dass unser Fuß im Stand und im Gang nicht durchbricht wie eine Hängematte, sondern in dieser Gewölbeform bleibt. In Bezug auf die Plantarfaszie spricht man vom sogenannten Windlass-Mechanismus (deutsche Übersetzung: Seilwinden-Mechanismus) [1]. Dieser Mechanismus beschreibt die Funktion der Plantarfaszie in Bezug auf die Aufrichtung des Fußgewölbes im Gang, wenn die Ferse angehoben wird (siehe untere beiden Bilder) Die Plantarfaszie richtet den Fuß dabei passiv auf und wird dabei aktiv von der Muskulatur unterstützt. Durch die Aufrichtung des Fußes und gleichzeitig die Stabilisation des Gewölbes bildet der Fuß einen idealen Hebel für die Wadenmuskulatur, um die Vorwärtsbewegung im Gang zu ermöglichen. 

Fersensporn, Plantarfasziitis – was tut da eigentlich weh?

In der Regel ist nicht der Fersensporn die Ursache für den Schmerz im Alltag oder bei sportlicher Belastung, sondern die Beschwerden werden durch eine Reizung der Plantarfaszie (sog. Plantarfasziitis) ausgelöst. Ursache dafür ist in der Regel eine vermehrte Zugbelastung auf der Plantarfaszie. Diese vermehrte Zugbelastung kann durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden. Deshalb sind die Ursachen für einen Fersensporn auch nicht bei jedem Menschen gleich. 

Ursachen Fersensporn – Ist der Fuß jetzt zu steif oder zu instabil?

Die Hauptursache für die Entstehung einer Plantarfasziitis ist in der Regel eine Überbelastung der Plantarfaszie. Diese kann durch verschiedene Faktoren zustande kommen. Einer der möglichen Faktoren ist eine Verkürzung der Muskulatur des Fußes und des Unterschenkels. Dazu gehören die Wadenmuskulatur (M. triceps surae), die Zehenbeuger (Mm. flexores digitorum) und die Muskulatur der Oberschenkelrückseite (ischiocrurale Muskulatur, Hamstrings) [2]. Wenn diese Muskeln verkürzt sind, dann kann das zu einer Einschränkung der Beugung im Fuß führen (sog. Dorsalextension) [3, 5]. Das wiederum sorgt dann für mehr und verfrühte Spannung an der Plantarfaszie im Gang. Eine weitere Ursache kann aber auch genau das Gegenteil sein, nämlich ein instabiler Fuß [2, 6]. Wenn der Fuß im Gang oder unter Belastung vermehrt nach unten und innen absinkt (Plattfuß, Knick-Senk-Fuß, siehe Bilder), ist das in der Regel ein Hinweis auf eine nicht ausreichende Muskelkraft oder Muskelaktivierung der Fußmuskulatur. Dadurch wird die Plantarfaszie nicht mehr in ihrer stabilisierenden und aufrichtenden Funktion für das Fußgewölbe unterstützt. Dies hat eine erhöhte Dehnung und Zugbelastung der Plantarfaszie zur Folge. Dadurch wird die Spannung der Plantarfaszie erhöht, was bei länger bestehender Belastung zu Reiz und Schmerz führen kann. Weitere Risikofaktoren für die Entstehung einer Plantarfasziitis sind ein erhöhtes Laufpensum, Übergewicht und eine vermehrte Belastung durch langanhaltendes Stehen [4].

Schmerzfrei mit Fersensporn – geht das?

Viele Menschen denken, dass der knöcherne Sporn die Ursache für den Schmerz ist. Dies ist aber in den seltensten Fällen tatsächlich so. Der Fersensporn ist nur die Folge aus der Reizung der Plantarfaszie. Diese ist entzündet und verursacht die Schmerzen. Der Sporn entsteht aufgrund der dauernden Zugbelastung am Knochen als Reaktion des Körpers. Der Organismus möchte die Stelle, an der gezogen wird, belastbarer machen. Ist die vermehrte Zugbelastung weg, sind in der Regel auch die Schmerzen weg, völlig unabhängig von dem Fersensporn der sich gebildet hat. Und das ist die gute Nachricht: der Sporn muss nicht operativ entfernt werden, um schmerzfrei zu sein! Das was du tun musst, ist an der Ursache für die Reizung zu arbeiten.


Fersensporn, Plantarfasziitis, Fersenschmerz - Tests: Was ist die Ursache bei dir?

Fersensporn / Plantarfasziitis testen: steif oder instabil?

Die häufigsten Ursachen eines Fersensporns hast du nun kennengelernt. Jetzt geht es darum herauszufinden, ob dein Fuß beziehungsweise dein Bein zu steif oder zu instabil ist, um effektiv an deinen Beschwerden arbeiten zu können. Sie sind die Grundlage für die Trainingsstufe, auf der du einsteigst. Alle Informationen dazu findest du im obigen Video oder nachfolgend im Text.

Fersensporn - Tests Instabilität des Fußes

Fersensporn: normaler vs. Knick-Senk Fuß

Einen instabilen Fuß erkennst du daran, dass unter Belastung (bei manchen erst im Gang oder Lauf, bei anderen schon im Stand) eine der folgenden Sachen passiert:

  • die Ferse beziehungsweise der Fuß knickt nach innen ein (Bild 2)
  • der Fuß liegt platt auf dem Boden auf, es ist kein Fußgewölbe mehr zu sehen (Bild 4)
  • beides zusammen

Im Stand kannst du das selbst sehr gut im Spiegel sehen, im Gang oder Lauf macht es sicherlich Sinn, jemand anderen darauf schauen zu lassen. Die Spezialisten dafür sind natürlich Bewegungsanalyse-Institute und Physiotherapeuten. Aber auch zu Hause kannst du mit einem einfachen Video, das jemand von dir aufnimmt, schon selbst ein paar Schlüsse ziehen. Einen weiteren Hinweis können deine Schuhe geben. Wo ist das Profil abgelaufen? Vor allem auf der Innenseite? Der Schuh ist vielleicht sogar auf der Innenseite vermehrt ausgebeult? Das sind Hinweise, dass der Fuß im Gang vermehrt nach innen kippt und dementsprechend instabil ist. Dann sind alle Übungen, die die Stabilität des Fußes verbessern für dich die richtige Wahl.

Fersensporn - Tests Steifigkeit des Fußes

 

Einen steifen Fuß (aufgrund von Bewegungseinschränkungen des Gelenkes oder aufgrund von Verkürzungen der Muskeln und Faszien) kannst du mit folgenden Tests leicht selbst identifizieren:

 

Dehnfähigkeit der Wadenmuskulatur (M. triceps surae)

Länge des M. gastrocnemius (Bild links)

  • Stand in Schrittstellung, Knie gestreckt
  • Füße gerade nach vorne ausgerichtet
  • Gewicht soweit es geht auf das vordere Bein verlagern bis Dehnung in der Wade entsteht, Ferse des hinteren Fußes verlässt nicht den Boden, der Fuß knickt nicht nach innen ein

Länge des M. soleus (Bild rechts)

  • Stand, Füße parallel zueinander nach vorne ausgerichtet
  • Knie beugen und soweit nach vorne schieben, wie es geht. Fersen bleiben am Boden, der Fuß knickt nicht nach innen ein

Normal: deine Kniescheibe des zu testenden Beines ist mindestens auf Höhe deiner Zehenspitze

 

Verkürzt: deine Kniescheibe ist nicht auf Höhe deiner Zehenspitze, sie bleibt davor

 

Wichtig: wenn bei diesem Test keine Dehnung in der Wade aufkommt, sondern du das Gefühl hast, dass das Gelenk weh tut und du in der Bewegung eingeschränkt bist, kann das ein Hinweis sein, dass dein Gelenk ein Problem hat. Dies sollte durch einen Arzt/Physiotherapeuten abgeklärt werden.

Dehnfähigkeit der Oberschenkelrückseite (ischiocrurale Muskulatur, Hamstrings)

Länge der ischiocruralen Muskulatur

  • Langsitz: Sitz, Beine gerade nach vorn ausgestreckt und parallel zueinander
  • Rücken gerade aufrichten (Versuch, ein Hohlkreuz zu machen)

Normal: Aufrechter Sitz mit gerader Wirbelsäule und 90° Winkel in der Hüfte sollte möglich sein (Bild links).

  • Ziel ist bewusst nicht, mit den Händen an die Füße zu greifen, da bei dieser Bewegung der Rücken rund gemacht wird. Das kommt durch eine Kombinationsbewegung aus Hüfte und Rücken zustande und ist auch völlig normal – führt aber zu einer Verfälschung des Tests.

Verkürzt: Der Rücken wird rund gemacht, um Sitzen zu können, bzw. aufrechtes Sitzen ist nicht möglich, die Hände werden zur Stabilisation nach hinten abgestellt (Bild rechts).

Dehnfähigkeit der Zehenbeuger (Mm. flexores digitorum)

Fersensporn: Verkürzungstest Zehenbeuger

Länge der Zehenflexoren

  • Sitz, Zehen mit der Hand maximal nach oben biegen

Normal: mindestens 60-70° Beugung nach oben möglich

 

Verkürzt: weniger als 60° Beugung nach oben möglich

Du hast dich selbst getestet und weißt jetzt, ob du muskuläre Verkürzungen, Bewegungseinschränkungen oder Instabilitäten im Bereich des Fußes hast? Super, dann kannst du jetzt mit gezielten Übungen beginnen. Wenn du muskuläre Verkürzungen und Einschränkungen der Beweglichkeit hast, solltest du auf Stufe 1: Mobilisation starten. Wenn das nicht dein Problem ist, sondern du eher zu einer Instabilität des Fußes neigst, dann geht es für dich los auf Stufe 2: Aktivierung der Fußmuskulatur. Darauf aufbauend geht es dann mit den folgenden Stufen weiter. Leg am besten jetzt gleich los! 

Wenn es so sein sollte, dass deine Schmerzen im Alltag so groß sind, dass du dich kaum fortbewegen kannst und alle Arten von Übungen sehr schmerzhaft sind, dann kann es sein, dass dir Einlagen oder spezielle Schuhe über einen begrenzten Zeitraum helfen können, die Schmerzen zu reduzieren. Dabei ist das Ziel, dich so schnell wie möglich so belastbar zu bekommen, dass du mit Übungen starten kannst. 

Falls du Fragen oder Anregungen zu den hier gezeigten Inhalten hast, kontaktiere mich gerne!

Literaturangaben

[1] R. Lucas und M. Cornwall, „Influence of foot posture on the functioning of the windlass mechanism“, Foot (Edinb), Bd. 30,  S. 38–42, März 2017.

 

[2] R. L. Martin u. a., „Heel Pain—Plantar Fasciitis: Revision 2014“, Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy, Bd. 44, Nr. 11, S. A1–A33, Nov. 2014.

 

[3] D. L. Riddle, M. Pulisic, P. Pidcoe, und R. E. Johnson, „Risk factors for Plantar fasciitis: a matched case-control study“, J Bone Joint Surg Am, Bd. 85-A, Nr. 5, S. 872–877, Mai 2003.

 

[4] J. D. Goff und R. Crawford, „Diagnosis and treatment of plantar fasciitis“, Am Fam Physician, Bd. 84, Nr. 6, S. 676–682, Sep. 2011.

 

[5] D. B. Irving, J. L. Cook, und H. B. Menz, „Factors associated with chronic plantar heel pain: a systematic review“, Journal of Science and Medicine in Sport, Bd. 9, Nr. 1–2, S. 11–22, Mai 2006.

 

[6] D. B. Irving, J. L. Cook, M. A. Young, und H. B. Menz, „Obesity and pronated foot type may increase the risk of chronic plantar heel pain: a matched case-control study“, BMC Musculoskeletal Disorders, Bd. 8, Nr. 1, Dez. 2007.